Mitten in steinerner Bootsformation
Archäologen entdecken Vulva-Stein in Wikingergrab
Archäologe Søren Diinhoff und sein Team vom Universitätsmuseum Bergen waren im Herbst 2024 dabei, drei Frauengräber freizulegen. In einem davon – mitten in einer steinernen Bootsformation – trafen sie auf etwas ganz Besonders.

Sie fanden einen Stein genau an der Stelle, wo einst der Mast des symbolischen Schiffs gestanden hätte. Als sie den Stein umdrehten, trauten sie ihren Augen nicht: „Er sah aus wie eine Vulva“, sagt Diinhoff. Die seiner Meinung nach eindeutige Darstellung des weiblichen Geschlechts.
Der Stein lag zwischen einer Halskette und einem bronzenen Schlüssel – die Platzierung war also kein Zufall. Solche Steine mit Phallusform gibt es aus der Eisenzeit reichlich. Doch ein Vulva-Stein? Für Diinhoff gibt es keinen Zweifel:
„Die Grabform ist ein Schiff, und der Stein liegt exakt an der Stelle, wo Mast und Mastfisch wären. Dann drehen wir ihn um – und da ist diese markante Rille.“ In einem Frauengrab könne dies nur eines bedeuten.
Nackte Frau mit überbetonten Geschlechtsmerkmalen
Auch die schwedische Archäologin Torun Zachrisson vom Upplandsmuseet hält die Interpretation für plausibel. Es gebe reichlich Darstellungen von weiblicher Sexualität und Ekstase aus vorchristlicher Zeit – etwa eine goldene Figurine von der dänischen Insel Bornholm, die eine nackte Frau mit überbetonten Geschlechtsmerkmalen zeigt.
Zachrisson verweist auch auf Holzfiguren aus Dänemark und Norddeutschland, bei denen die Vulva klar zu erkennen ist. Häufig werden solche Objekte mit der Fruchtbarkeitsgöttin Freyja in Verbindung gebracht.

In vorchristlichen Kulturen seien bestimmte Orte stets männlichen oder weiblichen Gottheiten zugeordnet gewesen – und oft entsprechend markiert worden, sagt Zachrisson. Klar ist aber auch: Phallussymbole überwiegen deutlich.
Vulva-Darstellungen in der Hälfte aller weiblichen Bestattungen gefunden
„Die Eisenzeit war eine männerdominierte Epoche, in der Männlichkeit und männliche Götter im Zentrum standen“, so die Forscherin. Doch es gibt eben auch das weibliche Pendant, wie etwa auf der schwedischen Insel Lovö im Mälarsee.
Dort wurden Vulva-Darstellungen in der Hälfte aller weiblichen Bestattungen gefunden. Archäologe Bo Petré sieht sie als Symbole für Fruchtbarkeit – oder vielleicht sogar für Eier, die in vielen Kulturen für Wiedergeburt und ewiges Leben standen.
Auch für die schwedische Archäologin Rebecka Jonsson ist klar: „Wenn man den Stein in einem anderen Kontext gesehen hätte, hätte man vielleicht nicht an eine Vulva gedacht. Aber hier – in der Mitte des symbolischen Schiffsgrabes – passt die Deutung einfach.“